zu Hause, das nicht mehr zu Hause ist
ein Gast in seinen eigenen 4-Wänden
Bürgstadt, 23. Dezember 2025. Gestern vor einem Jahr war ich mit meinen WG-Mädels in der Karibik auf Antigua mit Rochen schwimmen. I wish
Als ob sich nichts verändert hat. Klar, mein Zimmer ist jetzt zu einem Yoga, Fitness- und Gästeraum geworden, meine Wanduhr hängt nicht mehr und die Stelle, wo meine Pflanzen früher wuchsen, stapeln sich Versicherungsbriefe.
Wie unvertraut vertraut sich dann doch irgendwie dein Haus anfühlt. Das seit 20 Jahre dein Hauptwohnsitz ist. Du tretest ein, lebst plötzlich wieder in deinem Kinderzimmer. Klamotten findest du nicht mehr in deinem eigenen Schrank, sondern aus deinem Koffer. Erinnerst dich, wenn du morgens aufstehst, dass du jeden Tag genauso von deinem Wecker um 6:40Uhr geweckt wurdest, dein Gang ins Bad Routine war und es danach in die Schule ging.
Jetzt bist du nur noch ein Gast, der gelegentlich seine Familie besucht. „Ja über Weihnachten und Silvester bin ich da“.
Läufst deine doch eigentlich so vertrauten Runden durchs Ort, siehst da ein neues Haus stehen, da neue Leute oder Kinder auf der Straße spielen.
Undercover einkaufen ist nicht möglich. Mit fünf Leuten habe ich gequatscht während ich im Rossmann war und Produkte kaufte, die Österreich nicht in die Regale kriegt. Autos fahren an mir vorbei und winken, weil wir uns flüchtig kennen. Irgendwie schön.
Der erste Tag begann gleich mit einem frischen Brötchen vom Bäcker meines Vertrauens. So wie man es in den Bücher liest, kam ein „oh Michelle, du bist auch wieder da“ von der Seite und alles fühlte sich an wie immer. Die Brötchen haben gleich geschmeckt, mein Kaffee aus dem Vollautomat hat 1A gemundet und Snacks wurden in der Küche gefunden und gegessen, die ich mir eigentlich nicht selber kaufen würde.
Mein Spaziergang und meine Joggingrunde zwischen Kühen, Weinberge, Sportplätze und unserem Bächlein wurde am Tag drauf natürlich auch ganz traditionell absolviert. Als wäre ich ein Touri in meinem eigenen Dorf und schaue links und rechts, was sich verändert hat.
Viele Fragen, wie es läuft. Wie ist Wien. Wie gefällt dir dein Studiengang. Ist es so wie es in den Storys scheint. Ja. Ja, ist es.
Ich habe aufgehört, nur die schönsten Bilder zu teilen. Ich will das echte Leben teilen. Mit all seinen lustigen und scheiß Momenten. Was bringt es Leuten zu erzählen, wie schön und perfekt das Leben doch gerade sei, wenn es nicht so ist? Ich belüge mich doch selber wenn ich nicht die Wahrheit reflektiere. Fake zu sein, nur um Neid zu bekommen? Was haben Menschen davon. Ehrlichkeit, Gedanken und Worte sind doch viel schöner, nicht?
Mein Bockspringbett, meine Eltern, mein Dörflein und meine Freunde haben mich wieder. Ein Hi, wie geht’s dir, alles gut bei dir, haben bereits in den ersten Tagen fast alle von mir bekommen, obwohl alle relativ zufrieden scheinen. Es ist immer schön zu hören, dass es allen, abseits der Winterdepression, gut geht.
Fast alle meine Freunde sind gerade in der Zwischenphase, versteht ihr? Wo es gerade mit dem Studium losgeht, sie gerade erst weggezogen sind und erst herausfinden müssen, ob ihnen ihr aktuelles Leben überhaupt zusagt.
Manchen nicht, sie brechen ab, versuchen sich wieder neu zu orientieren und starten ein Jahr später in die nächste Findungsphase.
Nicht stressen lassen. Warum auch?
Ich will nicht sagen es fühlt sich falsch an wieder hier zu sein. Aber es erweist sich als richtig, dass ich nicht hiergeblieben bin. Dass ich weit weggezogen bin. In eine Großstadt mit gewöhnungsbedürftigem Dialekt. Wo ich niemanden außer meine zwei Mädels kenne und keiner irgendwas über mich wusste, bevor ich nicht selber was über mich erzählt habe. Irgendwie freue ich mich schon wieder zurückzufahren. Das ist doch was Gutes, oder?
Es war genau das, was ich gebraucht habe.
Ich freue mich natürlich hier zu sein, keine Frage. Über Weihnachten bei meiner Familie und gemeinsam an Heiligabend Raclette reinstopfen. Mich am Kleiderschrank meiner Schwester zu bedienen, weil ich nicht genügend Pullis (eigentlich schon) dabei habe, mit den Eltern abends auf der Couch in meiner Ecke liegen und Trash-TV schauen. Frühs am Frühstückstisch den Urlaub fürs nächste Jahr diskutieren, wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden, über den Dorfgossip quatschen. Mit dem Auto einkaufen zu gehen, sich freuen, dass der Humus Natur bei Lidl 0,99€ und nicht wie in Wien 1,69€ kostet.
Komisch. Komisch, wenn ich sage, meine Wimperntusche habe ich zu Hause gelassen und damit Wien zu meinen und nicht Bürgstadt.
Am dritten Januar geht’s wieder heim. Und kehre nach Hause zurück, das nicht mehr irgendein ein Dorf eine Stunde von Frankfurt sondern die Hauptstadt Österreichs ist...
Ciao Kakao meine Lieben, ich wünsche euch Frohe Weihnachten und ein ganz tolles Weihnachtsfest mit eurer Familie. Falls ihr zu viel gegessen habt, empfehle ich euch Iberogast Magentropfen und ein 30 Minütigen Spaziergang, danach einen Pfefferminz-Tee und eine Wärmflasche. Grüße gehen raus, bis bald!!
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